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Interkulturelle Kinder- und Jugendliteratur


       1.   Die siebziger Jahre: Gastarbeiterkinder mit dem Blick nach Hause

    W.J.M. Wippersberg: Fluchtversuch (1973)

    Renate Welsh: Ülkü, das fremde Mädchen (1973)

    2.    Die achtziger Jahre: Assimilation oder Integration?

    Ilse Viktoria Bösze: Geburtstag auf dem Dachboden (1983)

    Christine Nöstlinger: Echt Susi (1988)

      3.     Die neunziger Jahre: Entwurzelt und auf der Suche nach einer Identität

    Edith Thabet: Yasmin (1990)

    4.     Fremde Nachbarn im Osten und SüdostenTask11.gif (6268 Byte)

    Renate Welsh: Spinat auf Rädern (1991)

    5.     Bibliographie                                                                                         


Beginnend in den siebziger Jahren erschienen eine Anzahl von ernstzunehmenden Kinder- und Jugendbüchern zum Thema "Ausländer" in deutscher Sprache. Eine einfache Aufteilung in schwarz und weiß, gut und böse oder einheimisch und fremd ist nicht mehr möglich. Diese Bücher bieten Fiktion auf der Basis der Realität; sie zeigen verschiedene Verhaltensmuster, konzentrieren sich auf verschiedene Problembereiche und helfen dem Leser dadurch, Situationen und Hintergründe zu verstehen. Es ist zu hoffen, dass dies zu Toleranz, Solidarität und wechselseitigem kulturellem Respekt führt.

 

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1.  Die siebziger Jahre: Gastarbeiterkinder mit dem Blick nach Hause

    W.J.M. Wippersberg: Fluchtversuch (1973)

    Das Buch gibt eine authentische Schilderung der Lebensumstände und Schwierigkeiten einer Gastarbeiterfamilie in Wien: wenig Platz, wenig Geld und, was am schlimmsten ist, das Stigma, anders zu sein und nicht akzeptiert, das der zwölfjährige Ivo erlebt. Als seine Mutter und seine jüngeren Geschwister in ihr Heimatdorf an der Küste Dalmatiens zurückkehren, um ihre kranke Mutter zu betreuen, muss Ivo für seinen Vater und seine älteren Brüder den Haushalt führen und kann nicht mehr in die Schule gehen. Er erfährt die Unfreundlichkeit der Erwächsenen ebenso wie die Zurückweisung durch die Gleichaltrigen, die ihn auslachen und ihm aus dem Weg gehen. Verzweifelt versucht er zu fliehen, aber sein Versuch scheitert.

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    Renate Welsh: Ülkü, das fremde Mädchen (1973)

    In dieser realistischen Geschichte versucht Renate Welsh sehr vorsichtig, die unterschiedlichen kulturellen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen einer österreichischen und einer türkischen Familie zu beschreiben. Die Protagonistin dieser Ich-Geschichte ist das zwölfjährige österreichische Mädchen Bärbel. Eines Tages kommt das türkische Mädchen Ülkü in die Klasse. Es wird offenkundig, wie ungleich die Last verteilt ist. Das ausländische Mädchen könnte sich leicht in das Gastland integrieren, weil es intelligent und fleißig ist, aber die Famlie hat andere Pläne (nämlich nach etwa einem halben Jahr nach Hause zurückzukehren). Was zählt, ist allerdings, dass die beiden Mädchen ihre ursprünglichen Vorurteile abbauen und Freundinnen werden.

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2.  Die achtziger Jahre: Assimilation oder Integration?

    Bücher, die zehn Jahre später auf den Markt kamen, zeigen, wie ähnlich das Leben österreichischer und ausländischer Kinder ist, aber auch wodurch es sich unterscheidet. Da ist einmal die patriarchalische Familie der Ausländer mit einer großen Kinderzahl und Wärme, andererseits der eher tolerante aber oft unsichere Erziehungsstil in österreichischen Familien. Die Autoren sehen Solidarität als Voraussetzung für emotionales Verständnis der Mitglieder verschiedener Kulturen.

     

    Ilse Viktoria Bösze: Geburtstag auf dem Dachboden (1983)

    Ein zwölfjähriger österreichischer Junge, dessen Vater tot ist, findet emotionale Wärme in der Familie eines türkischen Schulkameraden. Im Verlauf der Geschichte lernen seine Mutter und die argwöhnischen Nachbarn die türkischen Familien, die im selben Block wohnen, schätzen. Somit gibt es ein positives Ende.

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    Christine Nöstlinger: Echt Susi (1988)

    Dies ist eine kritische Sicht der Integration von Einwandererkindern. In einem Kapitel weden Vorurteile angesprochen und Gründe für die Ablehnung von Ausländern erwähnt: hier ist der Leser gezwungen, sich in interkulturellem Denken zu üben, weil man nicht umhin kommt, Partei zu ergreifen. Die Figur von Ali, ein türkischer Junge, lässt uns an den schmerzhaften Erfahrungen eines Außenseiters teilnehmen. Das Besondere an diesem Buch ist, dass trotz des ernsten Themas Platz ist für Fröhlichkeit, Ausgelassenheit und alle Arten von Späßen. Es braucht Mut, die Probleme zu lösen, aber das Leben in einer multikulturellen Gemeinschaft verspricht alles andere als langweilig zu werden.

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3.  Die neunziger Jahre: Entwurzelt und auf der Suche nach einer Identität

    Edith Thabet: Yasmin (1990)

    1990 wurde Yasmin, ein Mädchenroman, veröffentlicht. Die Autorin, Edith Thabet, ist in Wien geboren und mit einem Immigranten verheiratet. Sie weiß daher aus erster Hand, was es bedeutet, zwischen zwei Kulturen zu stehen. Das Buch erzählt die Geschchte eines zwölfjährigen Mädchens, dessen Mutter Wienerin und dessen Vater Ägypter ist. Dieser Mann bemüht sich sehr um die Anererkennung seines Status als österreichischer Staatsbürger. Seiner Tochter zuliebe entscheidet er sich für eine weitreichende Assimilation, was seine Sprache und seine Arbeitsbedingungen betrifft, aber er möchte sich seine eigenen Werte und seine Art zu leben bewahren. Seine Tochter Yasmin leidet an den sozialen, ethnischen, kulturellen und religiösen Spannungen und sucht ihre eigene Identität.

    Leben in einer multikulturellen Gemeinschaft ist eine Bereicherung für alle Beteiligten, meint die Autorin. Allerdings kommen die Impulse von der Familie, die sich um Integration bemüht, während der Beitrag der einheimischen Bevölkerung sehr bescheiden ist. Ausländische Bräuche, die außerhalb ihres ursprünglichen Kontextes fremd und absurd wirken können, werden dargestellt und erklärt. In Yasmin werden die beiden Kulturen als gleichwertig dargestellt, da sie vom Vater und von der Mutter kamen und im Kind fortleben.

    In der Schlußepisode gibt es eine Couscous Party mit arabischer Musik für alle Bewohner des Wohnblocks. Wenigstens einige Elemente der ausländischen Kultur werden nicht mehr zurückgewiesen, und gegenseitige Akzeptanz wächst.

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4.   Fremde Nachbarn im Osten und Südosten

Der Fall des Eisernen Vorhangs, die Veränderungen in früheren Ostblockländern und die Auflösung von Jugoslawien hat auch Auswirkungen auf die österreichische Kinder- und Jugendliteratur gezeigt.

1992 wurde eine UNICEF-Anthologie, Im Osten geht die Sonne  auf, herausgebracht. Sechzehn Autoren aus früheren Ostblockländern versuchen in ihren Kurzgeschichten die Nachbarn neugierig zu machen auf das Leben auf der anderen Seite der Grenze.

Renate Welsh: Spinat auf Rädern (1991)

1991 stellt Renate Welsh das Dilemma von Flüchtlingskindern in ihrem Buch dar. Das russische Mädchen Maria und ihre Familie sind völlig entwurzelt und schmerzhaft nirgends auf dieser Welt zuhause. Der Leser wird mit existentiellen Fragen des Mädchens konfrontiert und ist aufgerufen, Antworten zu finden und einen eigenen Beitrag zu leisten für eine bessere Welt.

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5. Bibliographie

Sekundärliteratur

Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie. Frankfurt/Main 1970

Essinger, Helmiut: Interkulturelle Pädagogik. Versuch einer Standortbestimmung. In: Bizim Almanca 15 (1986), S. 14

Essinger, Helmut: Zur interkulturellen Arbeit in Schule und Gemeinwesen. Königstein/Ts 1981

Kagerer, Hildburg: Das Fremde hört nicht auf. In: JuLit. Informationen 2 (1992), S. 44ff.

Kaminski, Winfred: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur. Literarische Phantasie und gesellschaftliche Wirklichkeit. Weinheim-München 21989

Katholische Akademie Hamburg (Hg): Almanach zur österreichischen Kinderkultur. Hamburg 1991

Mattenklott, Gundel: Fremde Kinder im Kinderbuch. In: JuLit. Informationen 2 (1992), S. 85

Ulrich, Anna Katharina: Im andern Land. In: Schweizer Jugendbuchinstitut Zürich (Hg): Kinder- und Jugendbücher als Verständigungshilfe zwischen ausländischen und Schweizer Kindern. Zürich 1986, S. 7

Primärliteratur

Beyerl, Beppo: Eckhausgeschichten. Wien 1992

Bösze, Ilse Viktoria: Geburtstag auf dem Dachboden. Wien 1983

Gruber, Maria: Esras abenteuerliche Reise auf den blauen Planeten. Wien 1992

Nöstlinger, Christine: Echt Susi. Wien 1988

Österreichisches Komitee für UNICEF und das Internationale Institut für Jugendliteratur und Leseforschung (Hg.): Im Osten geht die Sonne auf. Wien 1992

Pellert, Wilhelm: Ayana und das goldene Tor. Wien 1992

Szyszkowitz, Gerald: Auf der anderen Seite. Wien 1990

Szyszkowitz, Gerald: Moritz und Natalie. Wien 1991

Thabet, Edith: Yasmin. Wien 1990

Welsh, Renate: Spinat auf Rädern. Innsbruck 1991

Welsh, Renate: Ülkü, das fremde Mädchen. Wien 1973

Wippersberg, Walter J. M.: Fluchtversuch. Innsbruck 1973

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