|
Konrad Teschek, Facharbeiter, 45 Jahre alt, wohnhaft in Salzburg, erfüllte
sich den Traum der Träume: Eine Reise mit dem Wohnmobil quer durch
Indien. Jahrelang hatte er gespart, nun war es soweit. Gemeinsam mit zwei
Freunden, Karl und Ferdinand, brach er am 21. Juni auf. Die Reise begann
in Salzburg, führte über Ungarn, Rumänien, Türkei
und Pakistan nach Indien. Nach 6 Tagen Fahrt erreichte die Gruppe ihr
erstes Ziel: Ahmadabad unweit der Grenze zu Pakistan.
Vibrio cholerae comma (kurz: Vibrio comma), ein Bakterium aus der
Gruppe der Vibrionen lebte mehr schlecht als recht in einem Brunnenschacht
am Stadtrand von Ahmadabad. Temperatur und Nährstoffgehalt waren
schlecht, vibrio verspürte keinerlei Fortpflanzungsgelüste.
Konrad hatte Durst und nahm einen herzhaften Schluck aus dem Eimer. Dass
man Wasser aus indischen Brunnen vor dem Genuss abkochen sollte - diesen
Rat hatte er kurzfristig vergessen.
Vibrio comma fühlte sich in der 'neuen Welt', die Konrad Teschek
hieß, sehr wohl. Temperatur, pH-Wert, Nährstoffgehalt, all
das stimmte auf wunderbare Weise, und vibrio comma beschloss, sich zu
vermehren. Also nahm der Herr eine Rippe aus der Seite von vibrio comma
und bildete innerhalb von 20 Minuten ein zweites vibrio comma. Sie fanden
Gefallen aneinander, und nach weiteren 20 Minuten waren sie bereits zu
viert.
Konrad, 'die Welt', saß indessen vor seinem Campingbus und rauchte
eine Zigarette. Er war nun 'die Welt' der Vibrionen, aber er merkte vorerst
nichts davon. Wie soll man auch 4 Vibrionen wahrnehmen können, wenn
allein in einem Tropfen Blut 4 Millionen rote Blutkörperchen ihren
Dienst versehen.
"Seid fruchtbar und mehret Euch", sagte der Herr der Vibrionen, "und macht Euch die Erde untertan". Die Vibrionen ließen
sich diesen Befehl nicht zweimal geben. Alle zwanzig Minuten verdoppelten
sie ihre Individuenzahl. Das gehört sich nun mal für Prokaryonten,
wenn sie sich wohlfühlen. Und die Vibrionen fühlten sich in
ihrer Konrad-Welt sehr wohl.
Konrad Teschek, 'die Welt', legte sich schlafen, er war müde geworden,
denn er hatte die letzten 700 km auf schlechten Straßen heruntergespult,
und das in einem Tag. Vibrionen beherrschen das Kunststück des exponentiellen
Wachstums. Bis Mitternacht waren sie auf eine Zahl von 4000 angewachsen.
Um 6 Uhr morgen hatten sie die unglaubliche Zahl von 1 Milliarde erreicht.
'Die Welt' schien etwas zu merken. Zunächst stürzten sich tausende
Leukozyten auf die Vibrionen und fraßen viele von ihnen auf. Später
produzierten die T-Lymphozyten Antikörper, die sich ebenfalls auf
die Vibrionen stürzten, diese verklebten und somit zum Futter für
das Heer der Makrophagen machten. Der Geheimdienst 'der Welt' lief auf
vollen Touren. Doch es nützte nichts, die Vermehrungskraft der Vibrionen
obsiegte, und um 8 Uhr morgens bevölkerten 5 Milliarden Vibrionen
'die Welt'. Ihre Fortpflanzungswut kannte keine Grenzen. Konrad fühlte
sich nicht wohl, er musste sich übergeben. Ferdinand meinte, das
sei ein Umstellungsproblem, gab Konrad eine Tierkohletablette und klopfte
ihm aufmunternd auf die Schulter. Dann setzte sich Karl ans Steuer. Ziel:
Bombay. Um 2 Uhr Nachmittag bot Konrad ein Bild des Jammers. Er musste
ständig erbrechen, hatte heftige Bauchschmerzen und wand sich in
Krämpfen. Karl schlug vor, einen Arzt aufzusuchen.
Die Vibrionen, inzwischen waren es 500.000.000.000 geworden, lebten
nun dicht gedrängt in der Konrad-Welt. Die ersten warnenden Stimmen
wurden laut. Der Generalsekretär Vibrio Primus meinte, man müsse
die Fortpflanzungsrate senken. Man dürfe nicht glauben, dass die
Welt unbegrenzt aufnahmefähig sei. In Teilen der Welt, man nannte
sie auch die 'Dritte Welt', war durch Konrads Durchfall akuter Nahrungsmangel
aufgetreten. Vibrionen starben zu hunderten Millionen. Ein anderer Vibrio,
man nannte ihn 'Vibrio Johannes Paul', verdammte alle Pläne zur Eindämmung
der Fortpflanzung und verwies auf den obersten Befehl für alle Vibrionen:
'Macht euch die Erde untertan!' Wieder ein anderer, Vibrio ökonomikus
sah eine Lösung des Problems im stetigen Wirtschaftswachstum, man
müsse eben mehr Toxine produzieren. Vibrio Ökologikus indessen
warnte eindringlich vor einer gesteigerten Toxin-Produktion, denn die
Welt sei schon arg geschädigt und dürfe nicht weiter belastet
werden. Unterdessen hatte man in Teilen der Welt das Problem erkannt nd
bemühte sich um Geburtenkontrolle. Die Bevölkerungsexplosion
verlangsamte sich, aber die Produktion von Toxinen ging ungebremst weiter
- trotz aller Warnungen, dass man damit 'die Welt' zerstören werde.
Konrad Teschek lag auf einer Bahre in einem Krankenhaus einer kleinen
indischen Stadt. Die Ärzte verabreichten Infusionen und Tetracycline
und verordneten strikte Bettruhe. Konrad redete wirres Zeug, rief hie
und da nach seiner Frau und murmelte die Namen seiner zwei Söhne.
Dann fiel er in tiefes Koma. Ferdinand und Karl waren ratlos.
Der Teufel war los. Der bedrohliche Nahrunsmangel 'in der Welt', der
Sauerstofmangel und die Temperaturschwankungen führten zu brutalen
Verteilungskämpfen unter den Vibrionen. Nun merkten auch die Ignoranten
unter den Vibrionen, dass man die Ausbeutung zu weit getrieben hatte,
und sie beteten zum Herrn der Vibrionen, dass er die Welt doch nicht untergehen
lasse. Doch der Herr hatte sich abgewendet, er verfluchte die Welt und
seine Vibrionen, es war zu spät.
Konrad war 'die Welt' der Vibrionen gewesen. Er starb am 30. Juni um
8 Uhr abends an Cholera. Mit ihm starben hunderte Milliarden Vibrionen.
Die Gattung Vibrio comma hatte gesiegt. Sie hatte sich 'die Welt' untertan
gemacht, wie es der Herr befohlen hatte. Und tatsächlich, bei der
Beerdigung sagte der Pfarrer, dass "unser lieber Konrad von einer
heimtückischen Krankheit besiegt wurde". Frau Teschek nahm
ein Lexikon zur Hand und fand unter der Bezeichnung "Cholera-Erreger"
den Namen vibrio comma. Von nun an strafte sie diese "Ausgeburt
des Teufels", wie sie die Vibrionen nannte, mit Verachtung. Dabei
hatten die Vibrionen doch nur einen Befehl ausgeführt:
"Seid fruchtbar und mehret euch und macht euch die Erde untertan
... "
(C) Rudolf Öller
|